Denkt ihr manchmal über das alt werden nach?
Seitdem ich Mama geworden bin und schon früh meinen Papa verloren habe, denke ich oft darüber nach. Ich schrieb letztens hier im Blog über die Open Air Ausstellung von Gerhard Weber aus Grimma. Er porträtierte 20 Jahre lang die Bewohner des Muldentals. Einige Fotos haben mich sehr nachdenklich gemacht. Bilder von Menschen, die noch kein 60 Jahre alt sein und aussehen wie Hundert. Menschen die viele Jahre in Alten- und Pflegeheimen leiden und ihnen das Sterben in Würde scheinbar nicht gegönnt ist.
Meine Oma wurde auch nur 63 Jahre alt und sie sah auf den letzten Erinnerungsbildern sehr viel älter aus, wie die Menschen, die heute Mitte 60 sind. Ich weiß nicht, ob es an den Genen oder an dem Leben an sich liegt, dass es Menschen gibt, die mit 100 Jahren wie das blühende Leben aussehen. Denen man es niemals abnehmen würde, dass sie schon ein Jahrhundert lang auf dieser Welt sind.
Diese Menschen hat der Fotograf Karsten Thormaehlen porträtiert. Im September erscheint sein Bildband:
Mit hundert hat man noch Träume
Sie haben das 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, Zerstörung, Aufbau, Teilung und Wiedervereinigung erlebt und überlebt. Sie sind Jahrhundertmenschen:
Der Fotograf Karsten Thormaehlen hat mehr als vierzig Männer und Frauen porträtiert, die 100 Jahre und älter sind. Seine Fotoserie ist eine Hommage an das Alter, die mit großem Respekt, aber ohne Verklärung, die Würde und Schönheit des Alters sichtbar machen möchte.
Die 2008 entstandene Installation Jahrhundertmensch wurde bereits erfolgreich in zahlreichen Ausstellungen präsentiert und fand große mediale Beachtung.
Kehrerverlag :: ISBN 978-3-86828-243-6 :: 36 Euro
Ausstellungen
Jahrhundertmensch
Congress Park Hanau 07.09. – 23.09.2011Jahrhundertmensch
Wandelhalle Bad Nenndorf 26.09. – 17.10.2011Einhundert Jahre Potsdam
Zentrum Schickes Altern, Potsdam 07.09. – 28.10.2011Mit hundert hat man noch Träume
Caritas zentrum plus, Düsseldorf Winter 2011/12Mit hundert hat man noch Träume
Parktheater, Iserlohn 19.04. – 26.05.2012
Gustav Weick, 18. Januar 1910,
wurde in Karlsbad geboren und lebt in der Nähe von Darmstadt. Der gelernte Schriftenmaler und seine Frau Helene, mit der er sechs Kinder großzog, arbeitete
bis 1980 als selbständiger Malermeister.
Zum 100. Geburtstag wurde ihm im Rossdörfer Wald eine Eberesche gepflanzt, die er regelmäßig bei seinen Spaziergängen zu der
Bank, die ihm ebenfalls gestiftet wurde, begutachtet.
Wer ihn fragt, warum er so alt geworden ist, wird von ihm hören: „Ich habe sehr viel Glück gehabt, vor allem im Krieg.“
Käthchen Erny, 7. August 1909,
errang mit 17 bei einem Pfälzer Turnfest den 5. Platz. Auch heute noch bezeichnet sie den Turnverein 1898 e.V. Mannheim-Seckenheim, in dem sie seit 85
Jahren Mitglied ist, als ihre zweite Heimat.
An der Turnhalle hat sie mit ihrem Ehemann, einem Zimmermann, selbst mitgebaut. Bei schönem Wetter radelt sie durch die Mannheimer Gärten, ansonsten setzt sie sich auf den Heimtrainer.
Käthchen Erny glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod:
„Da ist man tot und dann ist man halt nicht mehr da.“
Lothar Franck, 20. April 1911,
hält noch immer die Fäden der 1835 gegründeten Steinmetz’schen Buchhandlung in Offenbach am Main fest in der Hand.
Nach einer Ausbildung in Leipzig und Berlin übernahm er in den 1930er Jahren das Geschäft vom Vater. Lothar Franck ist überzeugt, sein hohes Alter einer bescheidenen
Lebensweise und dem Verzicht auf Alkohol und Tabak zu verdanken.
Seinen Geist füttert er noch heute mit „schwerer Kost“: Literatur über Philosophie, Psychologie oder die neuesten Ergebnissen der Hirnforschung.


Wenn man diese Bilder sieht, könnte man sich glatt aufs Alt-werden freuen. Leider ist es nicht jedem vergönnt. Der Stiefvater des Försters wäre wohl anfang des Jahres lieber gegangen. Zum Glück geht es ihm nun wieder etwas besser, aber einfach ist es nicht.
ja, manchmal wäre es besser, wenn man gehen könnte, ohne das die Medizin das Leiden künstlich verlängert.
Ja, über das Altern und das Alter denke ich schon hin und wieder nach. Allerdings wird mir dann oft recht schnell wieder bewusst, dass vieles wohl reine Spekulation ist und bleibt, weil so viele Faktoren unbekannt sind.
Der Bildband ist bestimmt toll, das zeigen schon die wenigen Beispiele, die Du hier gezeigt hast. Aber wie Sigrid schon schrieb, es ist nicht jedem vergönnt körperlich relativ gesund und geistig noch so fit ein so hohes Alter zu erreichen. Und wer es erreicht, der muss dann auch noch das Glück haben, Menschen um sich zu haben, mit denen er kommunizieren kann.
Ich weiß aus meiner Arbeit mit sehr alten Menschen, dass viele die zwar körperlich und geistig noch fit sind, doch sehr darunter leiden, dass sie oft “übriggeblieben” sind. Alle ihre Freunde, oft auch schon ihre Kinder oder sogar Enkel sind schon tot. Fast alle Menschen, mit denen sie mal einen gemeinsamen Erinnerungs- und Erfahrungshorizont hatten, sind längst tot. Da kann man sich sehr isoliert fühlen. Wenn man nicht gerade ein großer Kontakter-Typ ist, wird es dann schon sehr einsam um einen herum.
Wer körperlich gesund und geistig fit ein so hohes Alter erreicht und dann auch noch eine große Familie (Bluts- oder Wahlverwandschaft) um sich hat, der ist sicher vom Glück geküsst aber wie gesagt, das ist wirklich nur wenigen vergönnt und ich habe auch genug Beispiele erlebt, wo sehr alte Menschen im Grunde lebenssatt waren und sehnsüchtig auf den Tod gewartet haben.
dieses buch ist ja eine großartige idee. ich kann deine gedanken gut nachvollziehen, grade das alter und die vergänglichkeit des lebens beschäftigen mich auch immer wieder…
Vielen Dank für die Vorstellung des Buchs und die Nennung der Ausstellungstermine. Kaum zu glauben: im April/Mai nächsten Jahres findet die Ausstellung tatsächlich ganz in meiner Nähe statt. Wenn es der Hochzeitsstress, in dem ich dann vermutlich stecken werde, zulässt, werde ich auf jeden Fall versuchen, nach Iserlohn zu kommen!
Gedanken über das Alter kenne ich natürlich auch. Die Vorstellung, alt zu sein, und geistig und/oder körperlich nicht mehr in der Lage zu sein, am Leben teilhaben zu können, ist schrecklich. Doch das Gefühl des “Übrig geblieben zu seins”, von Dem Liisa schreibt, klingt ebenfalls beängstigend. Ich glaube, es ist verdammt gut, dass wir nicht wissen, was uns erwartet…
Aufgrund meines Berufes habe ich fast täglich mit (sehr) alten Menschen zu tun und dem Thema Alter werden und Tod. Meine Erfahrungen und Meinung schneiden sich diesbezüglich sehr mit denen von Käthchen Erny. Das scheint ein wirklich sehr interessanter Bildband und Ausstellung zu sein, die ich mir mal näher ansehen werde – Danke für den Tipp!
Ein interessantes Thema und für mich schon ganz heiss, aus verschiedenen Gründen. Ich werde mir die Ausstellung in Potsdam ganz bestimmt ansehen. Danke das Du uns das gezeigt hast.